Schwimmen

Am liebsten schwimme ich morgens. So um sieben. Wenn die Wiese im Freibad noch feucht ist vom Tau. Im Mai und im September laufe ich manchmal über Raureif. Dann kribbeln die Fußsohlen. Ich stelle mich freiwillig unter die kalte Dusche. Im Badezimmer bin ich überzeugte Warmduscherin, aber draußen, auf der Freibadwiese, ist es wunderbar, das kalte Wasser auf der Haut zu spüren.

Ich lasse mich ins Becken gleiten und fühle mich leicht und frei. Um mich herum der Sommermorgen. Ich schwimme Bahn um Bahn, langsam, gleichmäßig. Hin und wieder wechsele ich in Rückenlage, um den Nacken zu entlasten. Ich freue mich am Morgenhimmel, an den Kondensstreifen der Flugzeuge, an den beiden Enten, die regelmäßig in elegantem Schwung über das Becken fliegen. Um mich herum die glitzerblaue Wasserfläche.

Ich lasse meine Gedanken kommen und gehen wie die Wolken am Himmel über mir. Mein Leben sortiert sich mit jeder geschwommenen Bahn ein bisschen mehr. Nichts kann mich ablenken. Ich bin allein mit mir und dem Wasser. Es trägt mich, ich fühle mich stark und voller Energie, obwohl ich mich gar nicht besonders anstrenge.

Ich schwimme einen Kilometer, das sind zwanzig Bahnen. Fast jeden Morgen zwischen Anfang Mai und Ende September. Das Wetter ist mir egal. Natürlich ist es schön, wenn die Sonne scheint, aber es ist nicht unbedingt notwendig. Ich liebe es sogar, wenn es regnet. Dann ist das Wasser watteweich und die Stimmung märchenhaft. Die wenigen Menschen, die dann mit mir im Becken sind, lieben das auch. Wir schwimmen im Regen und freuen uns an diesem besonderen Moment.

In diesen pandemischen Zeiten ist das natürlich nicht so möglich. Ein komplizierter Anmeldemodus mit Testpflicht und festen Zeitfenstern, abgetrennte Bahnen im Einbahnstraßensystem, die das Becken in eine ästhetische Zumutung verwandeln und in denen ich mir vorkomme wie ein Zirkustiger und nicht zuletzt ein erhöhter Eintrittspreis schmälern das Vergnügen beträchtlich. Aber ganz weg ist es nicht und ich bin überzeugt, dass bald alles wieder so sein wird wie früher. Dass die Leichtigkeit zurück kehren wird.

Schöner schwimmen?

Dabei schwimme ich nicht einmal besonders gut. Ich springe nur ins Wasser, wenn es unbedingt sein muss und niemals mit dem Kopf voran. Ich kann überhaupt nicht kraulen. Ich bewege die Beine wie ein Frosch und schwimme mit dem Kopf über Wasser, in einem unbeholfenen Lady-Duck-Style. Mir fehlt eigentlich nur die Badekappe mit den bunten Gummiblumen. Schnell bin ich auch nicht. Aber kraftvoll und ausdauernd. Wenn es sein muss, schaffe ich auch zwei Kilometer. Einmal bin ich mit einem Freund durch den wunderschönen Helenesee bei Frankfurt an der Oder geschwommen. Einen Kilometer hin, einen zurück. Wir waren ganz allein mitten auf diesem See. Genauso fühlt sich Glück an. Und Freiheit.

Ich bewundere Menschen, die schön schwimmen. Die lautlos und zügig durchs Wasser kraulen, mit eleganten, weichen Bewegungen. Die vom Startblock ins Wasser hechten und fast die halbe Beckenlänge durchtauchen.

Vor ein paar Jahren habe ich den Versuch unternommen, meinen Schwimmstil zu verbessern. Ich setzte eine Schwimmbrille auf, die auf die Augenhöhlen drückte, stülpte eine Badekappe über, die an den Haaren ziepte und probierte unter der Anleitung des Mannes, der damals in meinem Leben eine Hauptrolle spielte, „richtig“ zu schwimmen, mit einer anständigen Atemtechnik und dem Kopf unter Wasser. Nach drei solcher Trainingseinheiten war mir klar, dass ich eher gar nicht mehr schwimmen würde als so. Ich war richtig unglücklich und bedauerte den Verlust meiner unorthodoxen Morgenrunden. Ich wollte keine Atemzüge zählen und vor allem: ich wollte beim Schwimmen den Himmel über mir sehen und nicht nur den Boden des Schwimmbeckens.

Deshalb schwimme ich auch nie im Hallenbad. Ich habe keine Lust, Kacheln zu zählen.

Schwimmen lernen

Ich habe zwischen Nord- und Ostsee schwimmen gelernt. Mit orangefarbenen Schwimmflügeln an den Oberarmen. Das Wasser hatte selten mehr als 18 Grad und es war eine echte Mutprobe, so weit hinein zu waten, bis es über den Rand des Badehöschens reichte. Wenn wir schlotternd vor Kälte und mit blauen Lippen wieder aus dem Wasser herauskamen, mummelte man uns in riesige Strandlaken, die immer ein bisschen klamm waren und immer ein bisschen scheuerten und fütterte uns mit Prinzenrolle-Keksen.

Als ich etwa sechs Jahre alt war, meldete mich meine Mutter in den Sommerferien zu einem Schwimmkurs im Wellenbad an. Ich hatte eine Sommerferienwoche lang jeden Morgen eine Stunde Unterricht und machte dann mein Freischwimmerabzeichen, das mir meine Großmutter noch am selben Tag auf den Badeanzug nähte.

Ich war stolz. Ich konnte schwimmen. Ohne Schwimmflügel. Ich konnte mich mit den Wellen an den Strand spülen lassen. Ich konnte bis ans Ende der Buhnen schwimmen, bis dahin, wo man keinen Grund mehr unter den Füßen spürte. Ich war groß.

Auf dem Gymnasium war der Schwimmunterricht die reine Folter. Ich hasste jede einzelne Stunde, ich hasste das ungemütliche Hallenbad, ich hasste den Chlorgeruch, ich hasste es, dass ich weder mit noch ohne Brille etwas sehen konnte, ich hasste es, Kopfsprünge vom Startblock üben zu müssen, die mir einfach nie gelingen wollten, ich hasste die dämpfigen, engen Umkleiden, in denen man im Winter enge Wollstrumpfhosen über klamme Füße ziehen musste, ich hasste die Stoppuhr und am allermeisten hasste ich das Dreimeterbrett. Und natürlich hasste ich meinen Sportlehrer, der sich in bester 70er-Jahre-Pädagogik auf diesem Dreimeterbrett einfach hinter mich stellte und mir den Rückweg versperrte.

Wenn ich mich an einen Moment größter Angst und Verlassenheit und Demütigung in meiner Kindheit erinnern möchte, dann sehe ich mich, blass und ein bisschen pummelig, auf dem Dreimeterbrett des Hallenbades stehen und in die Tiefe auf die gekachelte Wasserfläche schauen. Und höre die anderen Kinder brüllen: „Springen! Springen! Springen!“

Ich bin gesprungen und dachte, ich würde sterben. Der Sportlehrer schrieb endlich mein Fahrtenschwimmerzeugnis aus. „Siehst du! War doch gar nicht schlimm!“

Doch. War es. Es war absolut schrecklich und ich bin seitdem nie, nie, nie wieder von einem Dreimeterbrett gesprungen. Und es hat hat mir überhaupt nichts gefehlt.

Glücklicherweise hat mir dieser Schwimmunterricht nicht die Freude am Schwimmen nehmen können.

Zwischen Nordsee und Mittelmeer

Als Studentin bin ich zum ersten Mal in meinem Leben ans Mittelmeer gefahren. Seitdem träume ich davon, dort wenigstens teilweise leben zu können. Am großen, blauen Meer. Im Mittelmeer zu schwimmen ist die absolut sichere Glücksgarantie. 

Im italienischen Strandbad, auf Felsen, von denen vermutlich schon die Etrusker ins Wasser gesprungen sind. In kretischen Buchten, die nur über eine lange, anstrengende Wanderung zu erreichen sind. Im Südwesten Frankreichs, wo die Luft durchsichtiger und das Licht heller ist als an allen anderen Orten, die ich kenne. In der türkischen Ägäis, im November, nach einem langen Wandertag auf dem Lykischen Weg. Am Lido von Sète, diesem fantastischen, kilometerlangen Sandstrand. Allein, mit den Kindern, mit dem Liebsten. Im Golf von Saint-Tropez, an der Côte d’Azur, vom Boot aus ins Meer springen und wissen, dass ich mehr als 300 Meter Wasser unter den Füßen habe.

Die Nordsee, dieses graue, stürmischen Meer, das an schönen Tagen wie alte Seide schimmert, ist mein Zuhause. Das tiefe blaue Mittelmeer ist meine große Liebe.

Bis ich wieder dorthin fahren kann, bleibt mir der Neckar. Oder der Bodensee. Was beides ganz wunderbar ist. Oder das Freibad. Morgens um sieben. Damit ich schwimmend mein Leben sortiere. Und wenn ich aus dem Wasser komme, serviert mir der netteste Bademeister der Welt einen Espresso an den Beckenrand.

8 Antworten

  1. Das ist ein wunderbarer Text, der in manchem ausdrückt, was ich auch empfinde und unbedingt veröffentlicht werden sollte

    1. Danke! Nein, wusste ich nciht, ich hab ja das Tübinger Freibad, das auch um 6.00 öffnet – aber ich schaffe es selten, so früh da zu sein, obwohl es dann echt am allerschönsten ist.

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