Generalpause – Ausnahmezustand

Meine letzte Führung vor der Seuche war am 10. März 2020. In der Kunsthalle Tübingen. Zur Ausstellung “Tanz! Max Pechstein”. Das Publikum bestand aus kunstaffinen, kultivierten älteren Herrschaften. Ich strengte mich an, bezauberte fast anderthalb Stunden und erntete reichlich Applaus. Es sollte der letzte für lange Zeit werden.

In den nächsten Tagen hallte das Wort “Abgesagt!” wie ein riesiger chinesischer Gong durch mein Leben. Bis in den Oktober hinein cancelten meine Gäste ihre Aufträge. Ich konnte kaum glauben, was da passierte. Es war wie ein böser Traum. Ich strich einen Termin nach dem anderen aus dem Kalender.

Wie ein böser Traum

Glücklicherweise fingen mich andere Auftraggeber*innen auf. Ich füllte Websites mit Corona-Content, betreute Facebook-Auftritte von Corona-Start-Ups, schrieb Coronatexte für die Zeitung. Ich hatte fast mehr zu tun als zuvor. Außerdem war das Wetter schlecht und im März fängt die Saison ja auch gerade erst an.

Aber mein Kalender blieb so leer wie die Straßen, Kneipen und Geschäfte. Ich versuchte mich zu arrangieren. Räumte meine neue Wohnung ein, übte täglich Klavier, ging joggen, las Bücher über Astronomie und Hexenverfolgung für ein neues Theaterprojekt. Es gab Tage, da fand ich es schön, Herrin meiner Zeit zu sein.

Aber mir fehlte die Straße. Mir fehlte mein Publikum. Mein Resonanzboden. Das Wetter wurde besser. Die Fallzahlen sanken. Ich wurde immer ungeduldiger. Keine Führungen zu haben wurde mein neuer Alltag. Dabei hatte ich genug zu tun. Ich hatte auch Erfolg, man sparte weder mit Lob noch mit Honoraren. Ich war weich gefallen. Aber ich litt immer mehr. Ich habe das (seltene) Glück, meinen Beruf wirklich zu lieben und mich vollständig mit ihm zu identifizieren und jetzt durfte ich ihn nicht mehr ausüben. Es fühlte sich schrecklich an

Ich sagte es laut. Ich schimpfte. Ich trauerte um meinen Beruf wie um einen treulosen Liebhaber. Ich haderte. Ich drehte fast durch.

Sieh doch mal das Positive!

Irgendwann kamen die Sprüche: “Nimm es doch als Chance, mal etwas anderes tun zu können.”

“Du bist nicht die Einzige, der es schlecht geht.”

“Sieh doch mal das Positive.”

Das stimmte sicherlich. Ich bin nicht die Einzige, der es schlecht geht. Mir geht es sogar ziemlich gut. Ich habe Arbeit, ein Dach über dem Kopf, der Kühlschrank ist voll, ich bin gesund und meine Liebsten sind es auch. Ich darf nur nicht durch die Straßen und Museen ziehen und das tun, was ich am liebsten mache und am besten kann: Geschichten zur Geschichte erzählen und Kunst erklären.

Ich konnte nicht aufhören zu klagen. Wie eine Schallplatte mit Sprung. Man gab mir Tipps, um mein “Mindset” zu ändern. Ich sollte alles ins Positive drehen. Mich über neue Möglichkeiten in meinem Leben freuen. Es gut finden, ein verantwortungsvoller Mensch zu sein. Den Beitrag sehen, den ich durch mein Nichtstun für die Eindämmung der Pandemie leistete. Mich machten diese Sprüche wahnsinnig. Am schlimmsten war der von der Chance in der Krise. Ich wollte keine neue Chance. Ich wollte mein Leben zurück. Meinen Beruf.

Das Leben wartet nicht

Jetzt sind drei Monate vergangen.

Ende Mai rief eine Frau an und buchte eine Stadtführung für ein kleines Familienfest. Ich freute mich sehr. Drei Tage später sagte sie wieder ab. Ihr Bruder hätte Angst, jetzt hätten sie das ganze Fest gestrichen.

Da begriff ich. Vermutlich wird es noch sehr lange dauern, bis ich wieder auf die Straße darf. Zu lange, um mit ein bisschen Website-Betreuung zu überwintern. Ich würde mir etwas anderes suchen müssen. Selbst wenn es wieder erlaubt sein wird, als “Stadtbilderklärerin” zu arbeiten. Denn ich werde nicht genug Aufträge bekommen. Die Menschen haben Angst oder kein Geld oder beides zusammen.

Wie lange wird man noch Verständnis haben, wenn ich klage und hadere? Wann gehen meine Jeremiaden meinen Mitmenschen endgültig auf die Nerven? Sollte ich nicht längst in die Hände gespuckt und mir etwas Neues ausgedacht haben, was mir die Miete zahlt und mich ausfüllt? Wie lange darf ich trauern?

Drei Monate. Ich sollte nach vorne blicken. Meinen Schreibtisch aufräumen. Klar Schiff machen. Etwas Neues beginnen. Die Straße kann warten. Das Leben nicht.

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