Count your Blessings

Heute habe ich gesagt, ich fühle mich wie ein Kriegsheimkehrer. Das ist ein seltsames, altmodisches Wort, aber es passte irgendwie gut. Genau anderthalb Jahre ist es her, dass die Pandemie in drei Tagen mein Leben auf bis dahin unvorstellbare Weise auf den Kopf gestellt hat, indem ich schlagartig sämtliche Aufträge für die nächsten Monate verlor.

Die folgenden sechzehn Monate waren ein Leben im Schleudergang. Zwischen Aufbruchstimmung und Resignation, Hoffnungslosigkeit und Zuversicht, Existenzängsten und Neuanfängen. Ich fühlte mich überflüssig und nutzlos. Kultur und Tourismus waren das Letzte, was man brauchen konnte. Dazu kam die Angst, Menschen mit dieser Seuche anzustecken, weil ich immer noch zu viel unterwegs war, zu viele Leute traf, Hygieneregeln nicht genau beachtete, zu leichtsinnig war. Angst, selber zu erkranken hatte ich nie.

Pandemic Brain

Irgendwann war ich unendlich erschöpft. Ich wurde vergesslich und kann mich noch immer nicht länger als eine Viertelstunde auf eine Sache konzentrieren. Ich lasse mich ständig ablenken und verschwende unfassbar viel Lebenszeit damit, auf Facebook völlig sinnlose Diskussionen mit Unbekannten zu führen. Meine Angst vor Alzheimer, die mich begleitet, seit ich „Still Alice“ gesehen habe, einen Film, indem die wunderbare Julianne Moore eine Sprachwissenschaftlerin spielt, die erst ihr Gedächtnis, dann ihre Sprache und schließlich sich selbst verliert, trieb mich zu meiner Hausärztin. Sie nahm mich ernst, schickte mich zum CT und in die Gedächtnisambulanz. Dort unterzog man mich diversen Tests, die ich tatsächlich anstrengend fand, bescheinigte mir Aufmerksamkeitsdefizite und kognitive Einschränkungen, sah aber noch keinen Behandlungsbedarf. Mittlerweile gibt es die Diagnose „Pandemic Brain“. Eine Therapie dafür gibt es nicht. Anständig schlafen, anständig essen, schöne Dinge tun. Man hofft einfach, dass der Vollbesitz der geistigen Kräfte so wiederkommen wird wie er gegangen ist.

Das war zwar besser als Alzheimer oder Gehirntumor, aber nicht gut. Mir ging es immer schlechter. Es gab Tage, da beneidete ich die Menschen, deren Namen ich auf den Traueranzeigen in der Zeitung las. Wenn ich in die Stadt ging, ließ ich vorsichtshalber den Schlüssel zum Kirchturm zu Hause.

Seit drei Monaten ist das Schlimmste vorbei. Ich habe wieder Arbeit, mehr als ich bewältigen kann. Das Leben kommt wieder zurück. Menschen umarmen sich auf der Straße. Man hat mich sogar schon mit Handschlag begrüßt. Die Kinos haben geöffnet, die Theater spielen die ersten Premieren.

Wie eine Bärin nach dem Winterschlaf stecke ich meinen Kopf aus der Höhle, Wärme mich an den ersten Sonnenstrahlen und fürchte ein wenig, dass der Winter doch noch zurück kehrt.

Aber ich möchte mich nicht an diese sechzehn Monate nur als an eine bleierne Zeit erinnern. An eine einzige Abfolge an das, was eine Freundin Dementorentage nennt. An eine Zeit, in der die einzigen Gefühle Angst, Unsicherheit, Wut und Verständnislosigkeit waren. Denn so war es nicht. Es war keine gute Zeit. Aber es waren sechzehn Monate Leben und ich erlaube dieser Seuche nicht, mir die einfach wegzunehmen.

1. Klavier spielen

Ich spiele wieder Klavier. Nach Jahren, in denen ich entweder keine Lust oder keine Gelegenheit dazu hatte oder in denen alles andere wichtiger erschien, klimpere ich jetzt mit großem Vergnügen herum.Während des Lockdowns habe ich tatsächlich täglich geübt. Meine alte Klavierlehrerin hätte ihre helle Freude an mir gehabt. Das Klavierspiel erfüllte die Wohnung mit Klängen, die mir ein gutes Gefühl von Selbstwirksamkeit vermittelten. Manchmal habe ich das Fenster geöffnet und mein Geklimper als kleinen Gruß in die stille Straße geschickt. In den ersten Wochen dieses Neuanfangs hatte ich so wenig Kraft in den Fingern, dass mir nach zwanzig Minuten die Hände schmerzten. Ich habe zwei alte Klavierschulen herausgekramt und arbeite mich durch Mozartmenuette, kleine Etüden und Berthovenromanzen. Jeder kleine Fortschritt erfüllt mich mit Stolz. Jetzt würde ich gerne Unterricht nehmen. Und gemeinsam mit anderen Musik machen. Das wäre schön.

2. Frau Bachmann bloggt

Die Idee, mit einem Blog mein eigenes kleines Onlinemagazin zu gründen, in dem ich über alles schreiben kann, was mir gerade in den Sinn kommt, ohne Zeilenbegrenzungen und Redaktionsschlüsse, hatte ich schon lange. In verschiedenen Notizheften schlummerten angefangene Texte. Irgendwann sicherte ich mir eine Domain. Kaufte ein Buch und fuchste mich in die Geheimnisse von WordPress hinein. Im ersten Lockdown verbrachte ich viele Nächte damit, eine Website zu bauen – und scheiterte kläglich. Alles sah furchtbar aus. Ich beschloss, Menschen um Hilfe zu bitten, die das besser können als ich. In drei Wochen hatten die wunderbare Birgit Riegger von farbdosis und der unendlich geduldige Johannes Bucka von stellaplan alles genauso wie ich es mir vorgestellt hatte. Jetzt ist mein Baby in der Welt und ich liebe es.

3. Meine Gärten

Mein Garten. Besser: meine Gärten. Trotz Hageltotalschaden, Dauerregen, Schneckeninvasion und Komplettausfall der Gärtnerin, die nach einer einem Fahrradsturz geschuldeten Operation vier Wochen nicht knien, nicht kauern und sich nicht bücken konnte, sind sie Teil meines Glücks. Im letzten Jahr haben sie mir Stunden um Stunden ungetrübter Freude beschert. Ich habe gegraben und gegrubbert, gejätet und gehackt, gesät, gepflanzt. Jede Knospe, jeden neuen Trieb freundlich begrüßt. Und viele, viele Stunden habe ich zwischen meinen Sonnenhüten und Schafgarben, Prachtkerzen und dem Phlox gesessen und gelesen. Ein Garten, selbst solch ein kleiner wie meiner, macht wahnsinnig viel Arbeit, kostet richtig viel Geld und macht wirklich sehr glücklich. Auch wenn ich im Gemüsegarten noch einmal ganz von vorn anfangen muss – dieses handtuchgroße Fleckchen Erde hinterm Parkplatz, mit zwei Teppichklopfstangen als Rankhilfe für Bohnen gehört zu den Dingen, die mir in dieser bleierne Zeit eine echte Überlebenshilfe waren.

4. Meine Lieben

Es ist leider keine Selbstverständlichkeit und deshalb gehört es unbedingt in diese Liste: meine Kinder und ihre Liebsten, ihr Vater und seine Frau, meine Mutter und der Mann, der gerade in meinem Bett, meinem Herzen und meinem Leben einen wunderbar wichtigen Platz einnimmt sind gesund. Niemand musste je ins Krankenhaus oder wurde auch nur positiv getestet. Das ist ein Segen. Ich habe Freunde, die ihre Angehörigen an diese Seuche verloren haben, ich kenne Menschen, die monatelang gegen die Symptome von Long Covid ankämpfen mussten. All das ist uns erspart geblieben. Sicher. Meine Söhne waren in Kurzarbeit, meine Töchter saßen vor dem Laptop statt im Hörsaal und mussten ihre Ausbildung unterbrechen. Meine Mutter litt furchtbar unter Einsamkeit und Langeweile. Wir haben alle ein paar Schrammen abbekommen. Schlaflosigkeit. Ängste. Geldsorgen. Aber dazwischen gab es auch viel Gutes. Große Nähe, gute Gespräche und ein besonderes Gefühl dafür, wie kostbar jeder Moment ist, den man miteinander verbringt. Die langen Nachmittage, die der Liebste und ich in meiner Wohnung verbracht haben wie in Rapunzels Turm, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, weil ein wichtiger Termin wahrgenommen werden wollte, gehören zu den seltsam schönen Geschenken, die die Seuche uns gemacht hat. Überlebenswichtig.

5. Ein neues Amt

Im Dezember landete ich mehr oder weniger zufällig auf der Website für die Ausbildung zur Prädikantin. Ich wusste, dass es in der evangelischen Kirche Laienprediger*innen gibt, hatte das aber für mich nie in Erwägung gezogen. Eigentlich seltsam, denn seit ich im Kirchengemeinderat sitze, reiße ich mich um Lesedienste, Impulse und Andachten. Mir war sofort klar: Das will ich machen. Ich bat Pfarrerschaft und Kirchengemeinderat um die notwendigen Empfehlungen, schrieb eine Bewerbung und schaffte es, trotz abgelaufener Anmeldefristen noch in den nächsten Kurs aufgenommen zu werden. Im Januar fand der erste Orientierungstag statt, im März der erste Grundkurs. Online natürlich, irgendwo zwischen Bundesnotbremse und Osterruhe. Ich stand allein in meinem Arbeitszimmer und übte vor dem Laptop Votum und Segen. An Himmelfahrt feierte ich meinen ersten eigenen Gottesdienst. Ich habe schon Konzertgalas und Filmfestivaleröffnungen moderiert. Aber das war nichts gegen den Moment, als ich vor der Gemeinde stand und mich von der Liturgie davontragen ließ. Die Auseinandersetzung mit Predigttext und Predigtvorlage ist eine unglaubliche kreative Challenge. Ich komme mir selbst sehr nahe dabei. Und in Gottes Nähe. Das tut gut.

“Count your blessings” sagt eine Freundin, wenn ich mein Leben mal wieder in scharzen Farben male. Schau nach den guten Dingen. Selbst in schlimmen Zeiten ist nicht immer alles ganz schlecht. Manches ist sogar ganz wundervoll. Ein Klavier. Etwas Neues lernen. Gesund sein. Mit den Händen in der Erde wühlen. Den Liebsten küssen. Diesen Text schreiben können.

 

3 Antworten

  1. Andrea,

    wunderbar schöner Text. Hat mich sehr berührt. Als Wochenmarktbeschicker bin ich und meine Kollegen relativ „unbeschadet“ durch die Coronazeiten gekommen.

    Und bleib Deiner neuen Kreativität treu.

  2. Liebe Andrea,

    das ist ein wunderschöner Text, auch die traurigen Passagen – es tut mir von Herzen leid, dass es dir so schlecht ging -, aber doch voller Hoffnung und Freude. Du wirkst für Außenstehende, d.h. für mich, klar, selbstbewußt und sicher. So empfinde ich auch immer deine FB Posts: sachlich, kentnisreich, frei von Aggression und Arroganz, überaus wohltuend im Konzert dieser Dummschwätzer, die ohne Sachkunde attackieren und pöbeln. Dass es da auch eine ganz andere Seite gibt, konnte man aus manchen Äußerungen ganz leise vermuten, aber wie stark dich das alles verunsichert und geschwächt hat, konnte ich nicht ahnen.
    Es freut mich, dass es dir wieder besser geht und dass dir dabei manches geholfen hat, das mir auch wichtig ist: die Musik, die Natur, das Lesen, der Glaube …
    Und nebenbei, “Still Alice” hat mich auch sehr beeindruckt und berührt (Buch und Film), nicht zuletzt, weil ich an und mit meiner Mutter erlebt habe, was die Diagnose Demenz bedeutet und anrichtet.
    Dir wünsche ich von Herzen, dass die Zeit der blessings anhält und das volle Leben wieder ganz und gar zurückkehrt.

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