Grenzenlose Energie. Marina Abramovic in der Kunsthalle Tübingen

Die Frau ist pure Energie.

Am vermutlich heißesten Tag des Jahres sitzt die Presse im Skulpturenhof der Tübinger Kunsthalle und wartet auf den Star. Marina Abramovic enttäuscht uns nicht. Schwarze Haare, schwarzes Kleid, rote Lippen, rote Nägel. Hochprofessioneller Auftritt. Von Kopf bis Fuß eine weltberühmte Künstlerin. Ich bin sehr aufgeregt. Seit Wochen lese ich über sie, schaue Videos an und jetzt sehe ich sie endlich. Meine Tochter schickt mir eine Whatsapp und wünscht mir viel Spaß mit der “Göttin der Performance.”

Bereits nach einer Minute bin ich vollkommen geflasht von ihrer Präsenz, ihrer Kraft, ihrer Großzügigkeit, ihrer Wärme, ihrer Fröhlichkeit. Sie antwortet freundlich, präzise und professionell auf sämtliche Fragen, erzählt Anekdoten, bringt alle zum Lachen, signiert Bücher, schüttelt Hände und lässt sich von allen Seiten fotografieren. Ich habe jetzt ein Selfie mit Marina Abramovic.

Marina Abramovic signiert ein Buch.

Für ihre Autobiographie “Durch Mauern gehen” habe ich genau drei Tage gebraucht. Gute 500 Seiten Leben ohne Grenzen. Wer einmal angefangen hat zu lesen, hört nicht mehr auf. Von ihrer schwierigen Kindheit in Belgrad über ihre ersten Gehversuche als Künstlerin, ihre krassen Rhythm-Performances, die Zeit mit Ulay, ihrem Partner in Leben und Kunst, ihren Reisen quer über den gesamten Globus, die Zeit bei den Aborigines, in tibetischen Klöstern, in der Einsamkeit der Wüste oder der Betriebsamkeit der Metropolen dieser Welt. Ich war beeindruckt von ihrer Konsequenz, ihrer Disziplin, ihrem Mut, ihrer Ehrlichkeit. Kaum vorstellbar, dass diese Frau sich liebeskummerkrank daheim verkriecht und zuviel Schokolade futtert. Aber auch darüber schreibt sie. Und dass sie zu schüchtern war, um Susan Sontag anzurufen.

Meine Aufgabe als Künstlerin ist es, eine Brücke zwischen Westen und Osten zu bilden.

Vor allem aber schreibt sie über ihre Kunst. Über unterschiedliche Kulturen, Religionen, Wertesysteme, die sie miteinander verbinden möchte. Über Liebe, Angst, Tod, Versöhnung, Sehnsucht, Heimat, Sex und den Wunsch, aus den engen eigenen körperlichen Begrenzungen heraustreten zu können um hinter das schauen zu können, was rational fassbar ist. Über die Kunst, loslassen zu können. Über Energie. Das wird ihre Mastermetapher, im Leben, im Schreiben, in der Kunst. Das ist das, was sie weitergeben will. Sie muss eine ziemlich fantastische Lehrerin sein. Nicht nur für Lady Gaga.

Ich meinte also zu wissen, was mich erwartet.

Bis ich in der Kunsthalle vor einer Leinwand stehe. Marina Abramovic kniet auf dem Boden, den Rücken zur Betrachterin. Sie trägt eine weite schwarze Hose, sonst nichts. In der Hand hält sie eine Peitsche aus mehreren Lederschnüren. Mit dieser Peitsche schlägt sie sich. Minutenlang. Auf ihrem Rücken bilden sich Flecken und Striemen. Sie stöhnt und irgendwann schreit sie. Ich schaue bis zum Schluss zu. Das ist anstrengend. Durch Kopf und Körper rauschen widersprüchliche Empfindungen. Unbehagen. Scham. Verständnislosigkeit. Faszination. Bewunderung. Zärtlichkeit. Ich möchte dieser Frau die Peitsche wegnehmen und sie umarmen. Sie in meinen Armen wiegen und ihre Wunden versorgen.

“Dissolution” ist noch eine der harmloseren Performances, die Marina Abramovic zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn ausprobiert hat. Sie schreckt vor nichts zurück. Feuer und Eis, Schmerzen und Strapazen. Eine radikale Körperbefragung, ein ständiges Überschreiten von Grenzen. Sich selbst zu verletzen, ist ein Tabubruch. Vor allem, wenn es eine Frau macht. Vor allem, wenn es eine schöne Frau macht. Gleichzeitig gilt das Ertragen von Schmerzen und körperlicher Anstrengung aber in allen Zeiten und Kulturen als Zeichen von Tapferkeit. Innerer Stärke. Den Körper an die äußersten Grenzen des Erträglichen zu bringen um hinter die Grenzen der Vernunft und des Verstandes zu gelangen. Die Windstille der Seele finden mitten im Schmerz. Das machen Indianer. Samurai. Christliche Mystikerinnen. Marina Abramovic.

Dann trifft sie ihren Gefährten für Leben und Kunst und führt ihre Suche nach Energiedimensionen jenseits unseres Selbst auf andere Weise weiter. Durch Hingabe. Vertrauen. Begehren. Ozeanische Verschmelzung.

Rest Energy

Marina Abramovic und Ulay stehen einander gegenüber. Sehen sich in die Augen. Spannen gemeinsam einen Bogen, der Pfeil ist auf Marinas Herz gerichtet. Wenn einer von beiden loslässt ist sie tot. Performances sind keine Theaterstücke. Theater ist Spiel. Performance ist Realität. Alles ist echt. Es sieht schön und schrecklich aus, wie die beiden da stehen. Konzentriert. Kraftvoll.

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

Rainer Maria Rilke, 1. Duineser Elegie, 1912

Marina Abramovic hat mit fünfzehn Jahren Rilke gelesen. Er sei für sie poetischer Sauerstoff gewesen, schreibt sie.

Nada te turbe. Nada te espante.

Nach zwölf gemeinsamen Jahren mit Ulay arbeitet Marina Abramovic wieder allein. Begibt sich noch tiefer hinein in die Suche nach der Welt hinter den Dingen. Dazu reichen ihr eine Küche in einem verlassenen spanischen Kloster und etwas kochende Milch. “In the Kitchen” heißt ein Video-Triptychon, das Teresa von Avila gewidmet ist. Dieser spanischen Nonne, die vor 500 Jahren als erste Frau einen eigenen Orden gründete, wunderbare Texte über das Innerste der Seele verfasste und als eine große Mystikerin in die Geschichte eingegangen ist. Marina Abramovic steht in der Klosterküche und hält einenTopf voll heißer Milch in den Händen. Sie steht am Küchentisch, vor ihr ein Totenschädel aus Gips, den sie mit den Händen beschirmt, aber nicht berührt. Sie schwebt vor dem Fenster. Es sind ganz einfache Bilder, mit denen sie die spirituelle Reise beschreibt, die sie über die Zeiten hinweg mit der spanischen Heiligen verbindet. Achtsamkeit gegenüber Körper, Geist und Seele. Vergänglichkeit. Ekstase.

In der Welt der Marina Abramovic ist alles ganz einfach. Ihre Performances lassen sich in zwei, drei Sätzen beschreiben. Sie braucht nicht viel. Einen Haufen blutiger Knochen und Kupfergeschirr in “Balkan Broque”, der Performance, mit der sie 1997 den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig erhalten hat. Sie sitzt auf diesem Knochenberg, schrubbt die Knochen mit einer Bürste sauber und singt Volkslieder, die alle mit dem Tod zu tun haben. Aus Serbien und Kroatien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina. Stundenlang macht sie das. Marina Abramovic widersetzt sich dem Dogma, Zeit sei knapp und müsse deshalb möglichst effektiv genutzt werden. Eine lange Klage über die Toten des Bürgerkriegs und den Verlust ihrer jugoslawischen Heimat.

Es gibt Ethnien, die ihre Toten nur provisorisch bestatten. Nach einigen Jahren werden die Leichname wieder ausgegraben, die Knochen von den letzten sterblichen Überresten befreit und in einen Beutel gelegt, der in der Hütte oder im Zelt verwahrt wird. So sind die Verstorbenen, nach einer Zeit des Übergangs, wieder aufgenommmen in der Familie. Wenn wir Fotos unserer Lieben auf das Sideboard im Wohnzimmer stellen, machen wir eigentlich nichts anderes. Totenfürsorge ist etwas elementar Menschliches, über alle Kulturen und Räume und Zeiten hinweg.

Mag es mich berühren, schockieren, verletzen, heilen oder auch belustigen wie das Gespräch mit einem Esel – fremd ist mir nichts. Bei aller kosmopolitischen Weite bleibt Marina Abramovic Europäerin. Ich verstehe sie. Ich muss mich nur einlassen auf ihre Spielregeln, auf ihre Bilder, auf ihre Rituale.

Engel, sagt man, wüssten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehn oder Toten

“The Current” ist mein Lieblingsvideo in der Kunsthallenausstellung. Am liebsten würde ich es mir als Fototapete in die Wohnung hängen. Die Künstlerin liegt auf einem hohen Metallbett in einer rauen Schotterlandschaft. Um das Bettgestell herum sind einige riesige Bergkristalle verteilt. Der Himmel ist schwarzblaugrau. Die langen schwarzen Haare flattern im Wind. Marina Abramovic gibt sich dem Sturm hin, lässt die Energie von Metallen, Mineralien und Atmosphäre durch sich hindurchfließen. Kosmos und Körper finden zusammen.

Wie der kroatische Physiker Nikola Tesla, der ebenso schillernde wie geniale Pionier der drahtlosen Energieübertragung, ist  Marina Abramovic davon überzeugt, dass jedes Objekt, jedes Wesen, jeder Mensch über eine eigene Wellenlänge und Frequenz verfügt. Neben unserer sichtbaren Welt existieren für uns unsichtbare Parallelwelten. Wie aufregend wäre es, könnten wir uns zwischen diesen Welten bewegen.

Marina Abramovic ist eine wunderbare Reisebegleiterin auf der Suche nach dem, was hinter dem Spiegel ist. Nach dem Inneren der Seelenburg.

“Achte auf dich selbst und wo du dich findest, da lasse von dir.”, schreibt der spätmittelalterliche Mystiker Meister Eckhart, für den sich Gott mit jedem Moment in seiner Schöpfung immer neu verwirklicht. Marina Abramovic und er hätten sich Manches zu sagen gehabt.

Ich bin volkommen marinisiert.

 

Info:
Kunsthalle Tübingen
Marina Abramovic – Jenes Selbst | Unser Selbst
24. Juli 2021 bis 13. Februar 2022

Die Ausstellung wurde kuratiert von Nicole Fritz in enger Zusammenarbeit mit Marina Abramovic und ihrem Studio.

Philosophenweg 76
72076 Tübingen
MO, DI, MI, FR-SO 11-18
DO 11-19
info@kunsthalle-tuebingen
www.kunsthalle-tuebingen.de

Marina Abramovic
Durch Mauern gehen
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630875002
 

 

6 Antworten

  1. Dein Text erklärt gut und einleuchtend deine Faszination von und Begeisterung für diese Künstlerin. Dazu weckt er durchaus auch Neugier und Interesse, auch bei mir. Und dennoch habe ich gewisse Vorbehalte. Die gehen vor einem auf einen Spiegelartikel zu rück, aber auch in deinem Text finde ich Begriffe wie blutige Knochen, Totenschädel aus Gips, Peitschenschläge etc., die mich sehr irritieren.
    Mag sein, dass mein Leben durch die Krankheit meines Mannes immer wieder sehr anstrengend und auch schmerzlich ist, dass ich dies Kunstform einfach nicht aushalten will und kann.

    1. Danke für deinen Kommentar!
      Also – von Blumenaquarellen ist das alles tatsächlich weit entfernt. Marina Abramovic mutet sich und den anderen schon einiges zu. Trotzdem habe ich noch niemanden irgendwie schockiert und fertig aus der Ausstellung rauskommen sehen – die Botschaft bleibt bei allen Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen: Energie, Furchtlosigkeit, Neugier. Grenzen überschreiten, hinter den Spiegel schauen, hinter das ratioal Fassbare. Und das Balancieren der Codes der Ästhetik und der Gewalt ist schon sehr spannend.

  2. Wir haben mit dir die Ausstellung besucht. Ich als kunstschaffende hatte keinen richtigenZugang zu Performance. Deine Führung war sensationell!
    Ich werde zwar nicht zu Performancekünstlerin, jedoch hat mir, dank dir, der Zugang zu Performance auch die Idee der KUNST auf eine neue Art und Weise vermittelt. Dafür möchte ich mich bei dir bedanken.

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