Hochzeitstage

Der Vater meiner Kinder schließt in meinem Schlafzimmer eine neue Lampe an. Als ich ihm das Geld zurückgeben will, das er für Lüsterklemmen, Kabel und Glühbirnen ausgegeben hat, winkt er ab: „Das schenke ich dir zum Hochzeitstag.“

Wir sind seit 23 Jahren verheiratet. Seit 17 Jahren leben wir getrennt.

Am Morgen hatte ich kurz daran gedacht. Frühlingsanfang. Da haben wir geheiratet. Auf den Tag genau ein Jahr nachdem wir uns kennen gelernt hatten.
Eine Freundin hatte mich in ihren Lieblingsclub ausgeführt, da war mir dieser Mann auf der Tanzfläche begegnet, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Ich war Anfang Dreißig und voll guten Willens. Er auch.

Eine Ehe wie ein Apriltag

Wir bekamen zu dem Sohn, den ich mit in die Ehe gebracht hatte, noch drei wunderbare Kinder dazu, aber die glückliche Familie, von der wir geträumt hatten, wurden wir nie. Zu unterschiedlich waren unsere Vorstellungen davon, wie solch eine glückliche Familie zu sein hätte.

Fünf Jahre hielten wir durch. Eine Ehe wie ein einziger langer Apriltag. Irgendwann konnten die sonnigen Abschnitte die Hagelschauer und Sturmböen nicht mehr ausgleichen. Wir versuchten es noch mit einer Paartherapie, aber anstatt uns irgendwie wieder zusammen zu flicken, half unsere Therapeutin uns dabei, so auseinander gehen zu können, dass der Scherbenhaufen überschaubar blieb.

Ganz langsam heilten alle Wunden. Das ging nicht von heute auf morgen, zu groß waren die beiderseitigen Enttäuschungen und Verletzungen. Aber unsere Kinder pendelten wie Weberschiffchen zwischen uns hin und her und brachten uns dazu, wie erwachsene und zivilisierte Menschen miteinander umzugehen.
Wir feierten gemeinsam Kindergeburtstage und irgendwann auch Weihnachten. Bei Chor-, Ballett- und Theatervorstellungen unserer Kinder saßen wir nebeneinander im Zuschauerraum und platzten vor Stolz. Zur Konfirmation machten wir Familienfotos.

Alles auf Anfang

Mein Mann zog zunächst in eine WG und ziemlich bald zu seiner neuen Lebensgefährtin. Ich blieb mit den Kindern in der großen Altbauwohnung mitten in der Stadt, machte mich selbständig und aus dem Elternschlafzimmer ein Büro mit Schlafgelegenheit.

Der Anfang war hart. Wir hatten sehr wenig Geld, Kinder und Beruf forderten viel Zeit und Energie. Aber ich genoss meine Freiheit. Ich liebte die Abende, an denen ich lesen und arbeiten konnte, ohne dass jemand meine Aufmerksamkeit einforderte. An den Wochenenden, die die Kinder bei ihrem Vater verbrachten, unternahm ich lange Fahrradtouren, ging schwimmen oder lag stundenlang auf einer Wiese und las ein Buch.

Nach einem guten Jahr begann ich mir zu wünschen, dass jemand neben mir her radelt. Jemand, dem ich sagen konnte:“Schau mal, wie schön es hier ist.“ Irgendwann hatte ich wieder eine Verabredung. Mit meiner Nachbarin probierte ich meinen halben Kleiderschrank durch, bis ich meinte, das Passende gefunden zu haben. Ich fand mich sehr schön an diesem Abend. Er mich auch. Das dauerte eine Weile, dann zog er in eine andere Stadt und ich blieb mit den Kindern wo ich war.

Männer traten in mein Leben hinein und auch wieder heraus, manche blieben nur ein paar Nächte, manche viele Jahre. Manchmal war ich verliebt, manchmal nicht. Manchmal wurde ich verlassen, manchmal ging ich selbst. Einmal dachte ich, Mr. Right sei doch noch aufgetaucht und ließ mich mit Haut und Haaren auf ihn ein. Das reichte ihm nicht und ich bekam meinen Abschied.

Beziehungsstatus: offen

Trotz gelegentlicher Sehnsucht nach dieser einen, einzigen, wahren, großen Liebe geht es mir gut mit diesem Beziehungsstatus. Ich fühle mich wohl in diesen unterschiedlichen polyamoren Konstellationen, die ich gelebt habe, bevor die Lifestyle-Zeitschriften das als Trend ausriefen.

Meinen Kindern gegenüber habe ich nie ein Geheimnis aus meinen Freund- und Liebschaften gemacht, die ich aber nur selten und wohldosiert in meine Familie gelassen habe. Keinesfalls wollte ihnen Kindern immer neue Stiefväter und Bonuspapas zumuten.

Nur in sehr dunklen Momenten bilde ich mir ein, ich sei ein komplett bindungsunfähiger Mensch mit dem es niemand aushält und mein Leben sei auf dieser Ebene krachend gescheitert. Im Großen und Ganzen bin ich mit diesem Patchwork sehr einverstanden. Wir sind ein großer wilder Clan, der viel lacht, diskutiert, feiert und streitet, in dem sich alle unterstützen und respektieren, aber auch viel Freiheit lassen. Unsere Kinder mussten nie Partei ergreifen, keine Loyalitätskonflikte bewältigen, sich nicht für oder gegen ein Elternteil entscheiden. In der Lebensgefährtin meines Mannes hatten sie einen erwachsenen Menschen, der ihnen mit der gesunden Distanz begegnete, die Eltern manchmal fehlt. Mein Mann ist mit ihr glücklicher als er mit mir je sein könnte und weil ich ihn liebe, freut mich das für ihn.

Ich bin unendlich dankbar und ein bisschen stolz auf das, was uns da gelungen ist. Natürlich ist dieses Glück – und als solches empfinde ich es – nicht umsonst zu haben. Es verlangt ein hohes Maß an Toleranz und Großzügigkeit. Es bedeutet, sich mit unbequemen Gefühlen auseinander setzen zu müssen. Wer seine Ressentiments pflegen möchte, wird so nicht leben können. Wer Exklusivität für die conditio sine qua non einer Liebesbeziehung hält, wird in solchen polyamoren Verhältnissen ebenso wenig glücklich werden wie Menschen, für die Eifersucht ein Zeichen von Liebe ist.

Das hässlichste Gefühl

Eifersucht ist ein sehr hässliches Gefühl. Aber sie ist auch sehr menschlich. Und sie kriecht immer wieder um die Ecke.
Wenn die Tochter mit neuen Ohrringen heimkommt, die ihr die Lebensgefährtin meines Mannes geschenkt hat. „Schau mal, wie schön! Wie lieb von ihr, mir die zu schenken!“
Wenn der Sohn zu Besuch kommt und sagt: „Ich schlafe bei Papa.“
Warum nicht bei mir? (Weil es bei Papa Fleisch zu essen gibt, man auf dem Balkon rauchen darf und ein eigenes Zimmer hat!)
Wenn der Liebste ein Foto aus dem Familienurlaub schickt, mit Frau und Kindern drauf.

Ich gebe zu, dass es ein hartes Training ist, die fiese Kröte Eifersucht in solchen Momenten daran zu hindern, ihr Gift zu verspritzen und alles mit einer dicken, klebrigen Schicht aus Groll, Wut und Missgunst zu überziehen. Es gelingt auch nicht immer. Das sind dann traurige Augenblicke.
Aber sie gehen vorbei wie schlechtes Wetter. Sie werden seltener. Statt des Gefühls, jetzt sofort alles kurz und klein schlagen zu wollen, fliegt nur noch ein leichtes Bedauern durch das Herz.

Möchte ich wirklich die unzähligen guten und glücklichen Zeiten, die es in meinem Leben gibt, aufgeben und meinen Alltag von der giftigen Kröte Eifersucht beherrschen lassen? Da setze ich mich doch lieber mit einer großen Portion Schokoladeneis vor den Fernseher, netflixe ein bisschen und gehe früh ins Bett.

Es ist was es ist

Mein Mann und ich sind beide Frühaufsteher. Beim Wanderurlaub mit der Familie treffen wir uns morgens vor allen anderen in der Küche. Wir brühen Kaffee auf uns setzen uns auf die Bank vor der Hütte. Es fühlt sich vertraut und richtig an. Es fühlt sich so an wie etwas, was uns rundum gelungen ist.

In zwei Jahren können wir Silberhochzeit feiern. Das wird ein schönes Fest.

 

2 Antworten

  1. Danke für diesen Bericht der mir so aus dem Herzen spricht! Es ist eine riesen Challenge alleinerziehend zu sein und trotzdem gemeinsam Eltern. Sich vom vertrauten Umfeld unverstanden zu fühlen weil man es als erstrebenswertes Ziel sieht dem Kind beide Eltern zu ermöglichen und eben nicht die Trennung (und vielleicht auch die Wut und Enttäuschung) zu projizieren… Oh ja u d die Eifersucht – der kleiner fieser Teufel! Sie zu kennen ist wichtig. Ich begrüß sie u d sage „ah, da bist du wieder – du darfst kurz Platz nehmen, aber dann gehst du bitte wieder“
    Ich fühl mich so verstanden! Und werde heute beim streamen der Lieblingsserie mein Glas auf Sie erheben!

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