Identitti

Buch "Identitti" auf einem Tisch

Für ihr fulminantes Romandebüt bekam die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Voll verdient. IDENTITTI ist ein amüsantes, geistreiches und notwendiges Buch.

Sex and Race

Sind Hautfarbe und Herkunft wirklich so wichtig? Müssen wir uns unbedingt voneinander abgrenzen, um uns angemessen zu fühlen?

Rasse ist nur ein politisches Konstrukt, sagt Saraswati, die hinreißend charismatische Professorin von Nivedita. Sie hat Recht. Aber auch politische Konstrukte schaffen Identitäten.

Saraswati heißt in Wirklichkeit Sarah Vera Thielmann und das Indischste an ihr ist ihre Dupatta. Das kommt raus und der Skandal ist perfekt. Besonders schlimm ist es für ihre Studentin Nivedita, die Saraswati zu Füßen liegt.

Nivedita zieht zu Saraswati. Verlässt wochenlang kaum die Wohnung. Professorin und Schülerin werden zum Auge eines komödiantischen Hurrikans aus geistreichen Diskussionen interessanter und schöner Menschen. Seit Eric Rohmer wurde nicht mehr so viel geredet, im Film nicht und in der Literstur erst recht nicht. Nächtelange Gespräche, komplizierte Verhältnisse und dann taucht auch noch Saraswatis Bruder auf, der genau das ist, was Saraswati zu sein vorgegeben hat. Der hat etwas mit Pritti, der Cousine von Nivedita aus Birmingham. Marivaux hätte an all den Herzenskompliziertheiten seine helle Freude gehabt.

Nivedita, Mitte 20, ist nachdenklich, unsicher und ein bisschen streberhaft. Ungefähr 80 Prozent aller Studentinnen sind vermutlich wie sie. Ich finde mein jüngeres Ich in ihr wieder. Geht das überhaupt? Klar. Meine Großmutter ist aus Hinterpommern geflüchtet, Niveditas Mutter ist eine geborene Schimanski. Sollte es wirklich das sein, was mich mit dieser Romanfigur verbindet, die 30 Jahre jünger ist als ich? Oder ist es das Gefühl, nicht wirklich zu wissen, wohin man gehört? Wegen der Hautfarbe. Des Dialekts. Der sozialen Herkunft. Oder ist es dieses Suchen und Fragen und sich begeistern können für einen Idee, einen Text, einen Menschen?

Niveditas alter ego ist Identitti. Unter diesem Pseudonym bloggt sie klug und witzig über Feminismus und Identitätspolitik. Sex and race.

Campus, politisch korrekt

Die Sprache ist toll. Mithu Sanyal schreibt elegant, eloquent, schillernd, intelligent. Die politische Korrektheit wird bis zum letzten kleinen Genderstermchen durchgehalten und es funktioniert hervorragend. Die Frage ist, ob das auch bei einem Roman von Bodo Kirchhoff so wäre. Oder, damit wir nicht ausgerechnet einen der ältesten weißen Männer der deutschen Gegenwartsliteratur als hinkenden Vergleich heranziehen, bei Amy Liptrot oder Eva Menasse. Aber es wirkt tatsächlich nie gezwungen oder lächerlich. Das ist die Welt von Oluchi und Nivedita, von Lotte und Simon.

IDENTITTI ist ein postmoderner Cocktail aus Fiktion und Realität, aus falschen Zitaten und richtigen Twitteraccounts. Was ist Fake, was ist echt? Und ist Fake nicht irgendwie auch echt?

Mithu Sanyal jongliert auf atemberaubende Weise den Mikrokosmos einer Universität. Und: Man würde gerne wieder dazu gehören. Im Hörsaal sitzen. Ohne Geländer denken dürfen. Aber das ist die Frage: Darf man ohne Geländer denken? Und reden? Oder muss jede Idee und jeder Satz den strengen Kriterien standhalten, die eine politisch und auch sonst korrekte Gesellschaft aufstellt?

Es keimt der Verdacht auf, dass die woke Gemeinschaft der politisch Korrekten hierarchischer organisiert ist als die Ständegesellschaft des Ancien Régime und unerbittlicher ist als eine Jakobinerversammlung.

Die Fallstricke sind zahlreich. Nur bestimmte Menschen dürfen bestimmte Dinge sagen oder tun. Es ist genau festgelegt, wer wie worauf reagieren darf und – Überraschung! – alte weiße Männer oder alte weiße heteronormative cis Frauen dürfen am allerwenigsten – und ich hoffe, ich habe das mit dem „cis“ jetzt richtig gemacht. Denn es gäbe die Möglichkeiten Cisfrau, Cis-Frau, cis-Frau oder cis Frau. Nur Frau ist auf jeden Fall falsch.

Wie trans sind wir? Transsexuell, transracial, vielleicht transsozial? Verzichtet Saraswati auf Privilegien oder schafft sie sich neue? Ist sie eine Betrügerin oder eine Heldin einer neuen kulturellen, ethnischen, race Identität?

Wir müssen reden

Und Nivedita? Sucht zwischen der polnischstämmigen Mutter, dem indischen Vater, der indischen Cousine aus England und der eigenen Kindheit in Essen das, was sie ausmacht. Die braune Haut? Die deutsche Sprache? Je weiter man liest, desto mehr fragt man sich was sie überhaupt warum sucht.

Es gibt Passagen, da erinnert IDENTITTI an eine soziale Dystopie. Wenn Nivedita ihren Job als Kellnerin verliert, nachdem ihre Freundin Oluchi mit ihrer Clique in der Kneipe aufgekreuzt ist, um ihr den Kontakt zu Saraswati vorzuwerfen. Woher sie davon wisse, fragt Nivedati. Sie hätte ihre Informanten, lautet die Antwort. Wer im Geschichtsunterricht nicht allzu oft geschlafen hat oder vielleicht sogar Dantons Tod gelesen hat wird das Gefühl nicht los, das auch die politisch korrekte Revolution woker Avantgarde bereits ihre eigenen Kinder frisst. Und das Schlimme ist: es klingt nicht einmal nach Satire oder Groteske oder irgendetwas Absurden.

Aber Mithu Sanyal macht auch klar, dass genau darüber geredet, diskutiert und gestritten werden muss. Dass die Hegemonie über einen Identitätsdiskurs nicht alten weißen Showmastern, Schauspielern und Autorinnen überlassen werden darf, die “nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen” wollen. Es ist überhaupt nicht überflüssig, immer wieder darauf hinzuweisen: “Das Problem mit Rassismus ist, dass wir immer so tun, als wäre er eine individuele Eigenschaft und kein System. Dadurch istder Kampf gegen Rassismus der Kampf gegen böse Menschen, was deutlich heroischer ist, als die Strukturen zu veändern.”, sagt Saraswati. Schreibt Mithu Sanyal.

Und dann ist da noch Kali

Selten hat jemand so amüsant, schlau und empathisch über Identität geplaudert. Selten hat jemand so klug und witzig die Fallstricke und Widersinnigkeiten politischer Korrektheit bloßgelegt ohne dabei deren Sinn in Frage zu stellen. Wir müssen nachdenken. Über Identitäten, Machtstrukturen, Vereinnahmungen.

Und dann ist da noch Kali. Blaue Haut. Mehrere Arme, eine Halskette aus Schädeln, einen Rock aus abgeschlagenen Armen. Göttin des Todes, der Transformation und der Erneuerung. Sexy und furchterregend. Niveditas Sehnsuchtsgestalt. Sie sorgt in diesem dann doch sehr intellektuellen, diskussionslastigen Setting für die notwendige Fantasie, das Unberechenbare, Magische, für Schönheit und Schrecken. Und fügt der ganzen bunten mixed-race Mischpoke noch einen weiteren, wunderbaren Aspekt hinzu.

Ein Buch wie eine Achterbahn. Oder wie Kali. Alles wird durcheinandergewirbelt. Die Lektüre lässt einen etwas erschöpft zurück. Vom Lachen und vom Nachdenken. Aber das tut richtig gut. Es ist nicht gefährlich, dem Gehirn einen Muskelkater zuzumuten.

Mithu Sanyal
Identitti
Carl Hanser Verlag GmbH
432 Seiten

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