Kellerkind

aufgeräumter Kellerraum

Vor zwei Jahren bin ich umgezogen. Aus der großen Altbauwohnung mitten in der Stadt, in der meine vier Kinder aufgewachsen sind, in ein süßes Dachgeschoss ganz für mich allein. Zwanzig Jahre Familienleben und 120 Quadratmeter wollten auf eine nicht einmal halb so große Wohnung für eine alleinstehende Frau kondensiert werden. Wochenlang habe ich gepackt, sortiert, verschenkt und weggeworfen, um dann wiederum wochenlang auszupacken, aufzubauen und einzurichten. Was übrig blieb, waren die beiden Kellerräume. Dort hatten wir einfach alle Kisten und Kartons, Regalbretter und Schrankelemente, Skier und Stühle und alles andere, auf das ich einen Aufkleber mit der Aufschrift “Keller” geklebt hatte, hineingestellt.

Im Sommer kann man keinen Keller aufräumen. Im Winter auch nicht.

So blieb es stehen. Ausgerechnet während des Lockdowns, in dem alle Leute ihre Keller ausmisteten und ihre Dachböden aufräumten. Aber nachdem in meinem Dachgeschossschlösschen endlich alle Bücher in den Regalen standen, alle Schränke eingeräumt waren und alle Bilder an den Wänden hingen, hatte ich für diese beiden Kellerverschläge keine Energie mehr. Außerdem war mittlerweile Sommer und im Sommer kann man keinen Keller aufräumen. Da muss man draußen sein, die Sonne genießen oder sich um den Garten kümmern.

Kellerraum_chaotisch
Kellerchaos. Leere Schränke, volle Kisten.

Ich stellte meine neu gekauften Gartengeräte zu den Kästen und Kisten in den Keller und schloss einfach die Tür.

Im Winter kann man einen Keller auch nicht aufräumen, weil es dann viel zu kalt ist. Also zog ich nur die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck heraus und kämpfte mich bis zum Christbaumständer vor. Der Rest blieb, wo er war. Die beiden Kellerräume waren voll bis unter die Decke – an den Wänden standen zwei leere Schränke, davor die Regalböden und davor alles, was ich eigentlich in diesen Schränken unterbringen wollte: Aktenordner, Fotos, selten gebrauchtes Geschirr, Wanderstiefel und Schlittschuhe und zwei Kisten voller Legosteine von denen ich hoffe, dass eines Tages meine Enkelkinder damit spielen.

Eigentlich bin ich ganz ordentlich

Es war das absolute Chaos, das immer chaotischer wurde, weil ich hin und wieder Dinge brauchte, die hinter oder unter anderen Dingen lagen oder standen. Den großen Suppentopf. Den Schlafsack meiner  Tochter. Ich verbrachte viel Zeit damit, nach Dingen zu suchen oder den halben Keller aus- und wieder einzuräumen, um an die Walkingstöcke oder die Nähmaschine zu gelangen. Jedes Mal dachte ich darüber nach, was für eine komplett überflüssige Verschwendung von Energie und Lebenszeit diese Sucherei sei. Wie gut ich mich fühlen würde, wenn alles aufgeräumt und sortiert wäre. Dass es doch nur ein anstrengender Tag in meinem Leben sei, um danach nie wieder etwas suchen oder hin- und herräumen zu müssen. Aber der Keller blieb so chaotisch wie er war.

Ich bin eigentlich ein ziemlich ordentlicher Mensch. Marie Kondo hätte bei mir nicht allzu viel zu tun. Ich kann mich gut von Dingen trennen, die ich nicht mehr brauche und die mich nicht mehr glücklich machen. Meine Steuererklärung ist pünktlich beim Finanzamt und in meinem Kleiderschrank hängen (fast) nur Sachen, die ich tatsächlich trage. Schreibtischschubladen und Aktenordner werden regelmäßig durchsortiert. Aber angesichts dieses Kellers blieb mein Ordnungssinn seltsam stumm.

Ein Karton Christbaumkugeln

Es wurde wieder Weihnachten und ich balancierte abermals die Kartons mit den Christbaumkugeln über Stuhlbeine und Lampenschirme. Ein Karton rutschte mir aus der Hand, die Kugeln splitterten in tausend feine rote Scherben.

Diese Christbaumkugeln waren älter als ich. Sie hatten an jedem Weihnachtsbaum meiner Kindheit gehangen und als es an mir war, die Weihnachtsfeste auszurichten, habe ich sie übernommen. Hauchdünne, glänzende Glaskugeln, deren rote Farbe an einigen Stellen bereits abblätterte. Einige waren mit dicken Bienenwachskerzentropfen versehen. Alt, gebraucht, voller Patina und Erinnerungen, wunderschön. Die waren jetzt kaputt, weil ich es in fast zwei Jahren nicht geschafft hatte, diesen Keller so aufzuräumen, dass  dessen Inhalt unbeschadet in den dafür vorgesehenen Schränken auf seinen Einsatz warten konnte.

Ich saß auf dem Boden, fegte die glitzernden Scherben zusammen und schämte mich. Das war der Moment, an dem ich bereit war, etwas zu ändern. Aber im Januar ist es im Keller tatsächlich zu kalt. Ich setzte mir eine Frist: Zu Ostern wollte ich fertig sein. Im März plante ich einen komplett freien Tag ein und stürzte mich auf das Kellerchaos.

Ausräumen für ein Wiedersehen

Ich räumte beide Kellerräume komplett leer. Das dauerte eine knappe Stunde und war der way of no return. Jetzt MUSSTE ich weiter machen, denn keiner meiner Nachbarn hätte noch die Möglichkeit gehabt, seine Kellertür zu öffnen. Dann rückte ich den staubigen Verschlägen voller Spinnweben mit Besen und Putzlappen auf den Leib. Es ging schneller als gedacht. Zu Mittag hatte ich sogar die Regalbretter und Schubladen in die Schränke gebaut, die jetzt auf ihren Einsatz warteten und den Inhalt der vielen Kisten und Kartons aufnehmen sollten.

Ich öffnete den ersten Karton – und erwischte prompt die Puppen meiner Tochter. Die Lotte, die Klara…ich nahm sie alle einzeln heraus und rauschte gute fünfzehn Jahre zurück. In der Weihnachtszeit hatte ich ganze Nächte damit verbracht, ihnen neue Kleider zu nähen. Meine Tochter hatte sie geliebt – so sehr, dass sie sie in einer der Kellerkisten verstaut hatte, als sie ihr Kinderzimmer auflöste. Ich streichelte Klara, Lotte und dem Stoffhasen mit den Schlenkerbeinen einmal kurz über die Kunststoffhaare und die Frotteeohren und packte sie in die Kiste zurück.

Ziegelsteine am Strand
Teglvej, Brunsnaes

 

Schubwagen mit Ziegeln
Ziegeleimuseum in Cathrinesminde

In der nächsten Kiste lagen Ziegelsteine. Die habe ich alle vom Iller Strand an der Flensburger Förde im Koffer nach Hause transportiert. Ich liebe diesen Abschnitt der Förde zwischen Brunsnaes und Egernsund. Jahrhundertelang hatte man dort den gelben und roten Ton zu Ziegeln gebrannt, an dem schmalen Strandabschnitt reihten sich noch zu Beginn des 20. Jahrhundert acht Ziegeleien aneinander. Cathrinesminde ist heute ein Museum. Noch heute liegen zahllose, vom Wasser geschliffene Ziegel in der Ostsee – fehlerhafte Steine wurden einfach ins Meer geworfen. Sie sind wunderschön und dienten mir jahrelang als Buchstützen. Jetzt warten sie auf einen neuen Einsatz.

Ein Karton nach dem anderen landete auf dem Stapel für die Altpapiersammlung. Ich fand lang vermisstes Geschirr wieder und die Graffiti-Spraydosen meiner Kinder. Ausrangierte Handtaschen und jede Menge Büromaterial. Ein paar Dinge landeten im Müll, aber ich hatte vor zwei Jahren gut vorsortiert – die Ausbeute für den Abfalleimer blieb bescheiden. All diese Dinge fanden relativ unproblematisch einen neuen Platz in den Schubladen und Schrankfächern.

Lob der digitalen Fotografie

Dann kamen die Fotos. Sorgfältig zusammengestellte Alben und Schuhschachteln voll gelber Kuverts aus dem Fotomarkt. Ich habe sehr lange, bis 2008, mit einer analogen Spiegelreflexkamera fotografiert. In den Kartons müssen Hunderte von Fotos liegen. Urlaube mit den Kindern, Geburtstagsfeiern, Wandertouren, Aufnahmen, die ich für meine ersten beiden Bücher gemacht habe. Ich widerstand dem Impuls, mich auf den Boden zu setzen und ein Kuvert zu öffnen, um die Bilder anzuschauen. Hätte ich das getan, säße ich vermutlich immer noch in diesem Keller. Aber all diese Fotos hätten es sicher verdient, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt und neu sortiert zu werden.

Die Kartons und Schachteln voller Fotos nahmen tatsächlich den größten Platz in den beiden Schränken ein. Alles, was ich nach 2008 fotografiert fotografiert habe, liegt auf einer kleinen Festplatte in meiner Schreibtischschublade. Auf meinem Rechner habe ich einen Ordner mit Lieblingsbildern, den ich als Slide-Show auf meinem Bildschirmhintergrund eingestellt habe. Facebook serviert mir fast täglich eine Erinnerung und zeigt mir die Bilder, die ich irgendwann einmal gepostet habe. Wenn ich ein Bild für was auch immer brauche, finde ich mit ein paar Mausklicks schnell etwas Passendes in meinem Archiv. Und wenn ich meinen Lieben Reisebilder oder Wanderfotos zeigen möchte, kann ich das sogar auf meinem Fernsehbildschirm tun, riesengroß und in brillanter Farbqualität. Das alles funktioniert weder mit den gelben Kuverts voller Abzüge noch mit den sorgfältig gebastelten Fotoalben.

Kinderfotos
Zeitreise

Letztere haben den Vorteil, dass auch Eintrittskarten und Kinderbilder, Fahrscheine und andere Zettel die Fotos ergänzen und dass ich kleine Bildunterschriften verfasst habe. Sie sehen wirklich sehr nett und nostalgisch aus. Ich überlege kurz, sie in der Wohnung unterzubringen – aber nachdem ich in zwei Jahren nicht ein einziges Mal den Impuls verspürt habe, durch diese Alben zu blättern, gehe ich davon aus, dass ich das Anschauen 20 Jahre alter Urlaubsbilder auch jetzt nicht zum Teil meiner Morgenroutine machen werde. Und jetzt liegen die Alben immerhin griffbereit und aufgeräumt in einem Schrankfach.

Ich bin ein zutiefst analoger Mensch. Noch immer schreibe ich sehr gerne mit der Hand, lese Bücher aus Papier und die Vorstellung, nur noch im Home-Office zu arbeiten und Kolleg*innen lediglich in der Größe einer Weihnachtsbriefmarke auf meinem Laptop-Bildschirm zu sehen, finde ich einfach schrecklich. Aber die digitale Fotografie ist wirklich eine super Erfindung.

5 Stunden. Mehr nicht.

Salatschüsseln und Suppenterrinen wandern aus den Umzugskisten in die Schränke. Ein Karton mit Kinderbüchern. Aktenordner voller Steuerunterlagen und dem Material unzähliger Führungen und Vorträge. Der Weihnachtsschmuck. Die Gartengeräte und natürlich die Legosteine. Skier und Schlitten. Es geht erstaunlich schnell,  ich muss nur wenig überlegen, der Platz reicht gut und es bleibt nur wenig übrig, von dem ich nicht so richtig weiß, was ich damit machen soll.

Zum Schluss fege ich alle Räume noch einmal aus und fahre eine große Tasche mit alten Schuhen zum Altkleidercontainer.

Insgesamt habe ich fünf Stunden für die gesamte Aufräumaktion gebraucht. Fünf Stunden. Ein halber Arbeitstag. Vor diesen fünf Stunden habe ich mich zwei Jahre lang gedrückt. Das war ziemlich dumm.

 

 

 

 

 

Eine Antwort

  1. Das liest sich sehr spannend und unterhaltsam, fürs Kelleraufräumen doch sehr ungewöhnlich. Und außerdem motivierend. Vielleicht schaff ich es auch.

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