Tübinger Typographien

Pariser Jugendstil: die Metropolitain

Sehnsucht nach Paris? Abhilfe kann ein Blumenladen in der Tübinger Metzgergasse schaffen. Dessen französischer Charme manifestiert sich bereits auf dem Ladenschild. „Florian“ steht da. In hübschen Jugendstilbuchstaben, verspielt, aber nicht verschnörkelt. Das „i“ steht auf dem Kopf und ist zu einer Vase stilisiert. Parisliebhabern wird diese Schrift zumindest vage bekannt vorkommen: Es ist fast die gleiche Schriftart, die der Designer Hector Guimard 1899 für die Eingänge der Pariser Metro kreiert hat, die „Metropolitain“. 86 von Guimards reich verzierten und grün lackierten schmiedeeisernen Zugängen sind noch heute im Pariser Stadtbild erhalten.

Blumen Florian in der Tübinger Metzgergasse

„Wir haben ein Schriftenunterbewusstsein und Schriften schaffen immer Assoziationen“, erklärt Barbara Honner. Die Geografin und Germanistin ist seit über 20 Jahren für den Außenauftritt des Bürger- und Verkehrsvereins Tübingen zuständig und hat schon von Berufs wegen ein gutes Auge für die Gestaltung aller möglichen Druckerzeugnisse. Ihre ganze Leidenschaft gehört jedoch der Typographie, der Gestaltung von Schrift. Vor allem die Schrift im öffentlichen Raum hat es ihr angetan. Wer sie auf einen Spaziergang durch die Tübinger Altstadt begleitet, begibt sich auf eine typographische Entdeckungsreise.

 

Distanzierte Noblesse: Die Optima

Geschichten zur Geschichte der Schrift

Vor der Silberburg auf dem Marktplatz gerät sie ins Schwärmen: „Das ist meine Lieblingsschrift!“, verrät sie. Die eleganten Großbuchstaben hat Hermann Zapf gestaltet, einer der einflussreichsten und begabtesten Typographen des 20. Jahrhunderts: über 200 verschiedene Schriftarten gehen auf sein Konto. Während eines Aufenthalts in Florenz in den 50er-Jahren entdeckte Hermann Zapf in der Kirche Santa Croce Grabsteine, deren Inschriften ihn so begeisterten, dass er in Ermangelung eines Zeichenblocks auf einem 1000-Lire-Schein Skizzen davon anfertigte. Daraus entstand die Schriftart „Optima“, eine auch aus der Ferne gut lesbare Satzschrift mit schönen Rundungen und unterschiedlichen Schriftstärken. Dank ihrer „distanzierten Noblesse“ kam sie in der Parfum- und Kosmetikbranche besonders gut an. Zu einem Feinkostgeschäft mit dem Namen „Silberburg“ passt sie deshalb ebenfalls hervorragend.

Zu fast jedem Schriftzug in der Stadt kann Barbara Honner solche Geschichten erzählen. Zwischendurch erfährt man einiges über die unterschiedlichen Schriftarten und deren Entstehung. Die Frakturschrift entwickelte sich zum Beispiel ab 1200 in den Klöstern im Süden des deutschen Reiches und wurde mit ihren dekorativen Spitzen zur bevorzugten Schrift im deutschen Sprachraum. In der Renaissance entwickelten humanistische Schriftsetzer die so sogenannten Antiqua-Schriften, die sich bald im übrigen Europa durchsetzten. Dazu gehört zum Beispiel die „Georgia“, in der dieser Text gesetzt ist. Die gilt als besonders gut lesbar, weil die kleinen Füßchen an den Buchstaben, die die Jünger Gutenbergs Serifen nennen, das Auge sozusagen auf Linien halten. Wenn diese Serifen fehlen, spricht man von einer Grotesk-Schrift. Die „Arial“ ist eine Grotesk-Schrift.

Bauhaus und Schaftstiefelgrotesk

Das Stadtlogo von Cortina d’Ampezzo

Im Tübinger Stadtbild findet sich alles. Die unterschiedlichen Schriften sind ein Stück Kunst-, Betriebs-, Familien- und Stadtgeschichte. So ist der schnittige Schriftzug des Schreibwarengeschäftes „Schimpf“ ganz einfach die Unterschrift des Firmengründers und das Eiscafé „Cortina“ übernahm das Stadtlogo von Cortina d’Ampezzo. Für die runden Kleinbuchstaben der Apotheke Trapp machte man Anleihen am Bauhaus. In der Reklamewerkstatt des Künstlers Lionel Feininger wurden die Buchstaben auf die Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat reduziert und von jeglichem schmückenden Beiwerk befreit. Die etwa hundert Jahre alte Schrift sieht heute erstaunlich modern aus.

Typo-Erbe: Die Tannenberg

Das kann man von dem Schriftzug „Gaststätte zum Gutenberg“ nicht behaupten. Auf den ersten Blick sieht der ziemlich gotisch aus. Aber auch irgendwie ein bisschen brutal. Die Typographie-Expertin weiß, warum. Die sogenannte „Tannenberg“ wurde in den 30er-Jahren entwickelt und galt als ganz besonders deutsch. Aus der schönen Klosterschrift mit ihren feinen Bogenbrechungen wurden sämtliche dekorativen Elemente getilgt. Das typische lange, hohe „s“ wurde durch eins ersetzt, das bei näherem Hinsehen aussieht wie ein Hakenkreuz. „Schaftstiefelgrotesk“ sei die wenig schmeichelhafte Bezeichnung der Setzer für die Lieblingsschrift der Nazis gewesen. Leider konnte niemand außerhalb Deutschlands diese Schrift entziffern, was für ein Land auf Expansionskurs ziemlich unvorteilhaft ist. Deshalb wurde die Tannenberg-Schrift 1941 mit dem „Normalschriftenerlass“ durch eine Antiqua-Schrift ersetzt und verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg vollends in der Versenkung.

Typographisches Erbe

Heute strahlt diese fette Fraktur allenfalls noch so etwas wie eine anachronistische Rustikalität aus. „Das ist einfach ein Teil unseres typographischen Erbes und deshalb unbedingt erhaltenswert“, findet Barbara Honner. Sie versucht, solche Schriften zu retten und zu erhalten. Wenn ein Laden geschlossen wird, setzt sie alle Hebel in Bewegung, um Lettern oder Ladenschild zu bekommen. Ihre Eroberungen wandern dann ins Depot des Stadtmuseums. 25 Stück hat sie bereits beisammen.

Hybridschift “Hobo”

Das funktioniert leider nur, wenn der Schriftzug über der Ladentür aus transportablen Lettern besteht. Wenn der Name an die Wand gemalt ist, bleiben davon letztendlich nur Fotos. Das wird zum Beispiel bei „Hinrichs Teehus“ irgendwann der Fall sein. Dabei ist gerade diese Schrift ungeheuer sympathisch. Sie passt, so rund und schüsselig wie sie ist, in keine Schublade und wird deshalb Hybridschrift genannt. 1910 nannte ihr Erfinder Morris Fuller-Benton sie zu Ehren der amerikanischen Wanderarbeiter, die Ende des 19. Jahrhunderts durch das Land zogen, „Hobo“. Soviel Romantik kann sich ein ostfriesischer Teeladen in der Tübinger Unterstadt locker leisten.

Typographie ist die Architektur der geschriebenen Sprache

Nach zwei Stunden mit Barbara Honner wird niemand mehr durch eine Stadt laufen können, ohne die Geschichten hinter den Schriftzügen kennen lernen zu wollen. Außerdem wird man sich mehr Mühe mit der eigenen Schrift geben. Denn letztendlich gilt für jede Schrift: „Eine Schrift, die man nicht lesen kann, ist nichts wert.“

 

Weiterlesen

Wer wie ich jetzt angefixt worden ist von den Geheimnissen rund um die Kunst der schönen Schrift, sollte den wunderbaren Roman “Nichts Weißes” von Ulf Erdmann Ziegler lesen. Die Geschichte der Grafikerin Marleen, die ihren Traum von der perfekten Schrift verwirklichen möchte, ist eine Liebeserklärung an die Welt der Buchstaben und eine schöne Zeitreise in das Lebensgefühl der 80er-Jahre. 2012 stand “Nichts Weißes” auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Wer sich gerne klug unterhalten lässt, trifft hier voll ins Schwarze.

Eine Antwort

  1. Netter Beitrag!

    Wer sich für Typographie interessiert, dem seien unbedingt die Bücher von Otl Aicher, Kurt Weidemann und Erik Spiekermann empfohlen. Leider stirbt die gute Typhographie aus, weil heute alle meinen, sie hätten Ahnung von Schrift, wenn sie das Wort Helvetica fehlerfrei aussprechen können. Und auf jedem PC wird auch noch eine halbe Tonnen Schriften mitgeliefert. Der Beruf der Setzerin / des Setzers ist ja praktisch auch weg. Das größte deutsche Online-Forum für Typographie ist übrigens http://www.typografie.info von Ralf Herrmann, der in Weimar auch ehrenamtlich ein kleines Druck- und Typomuseum betreibt. Wir waren da vor drei Wochen, es lohnt sich sehr: https://pavillon-presse.de
    Hier noch ein Beitrag im Reklamekasper zum Thema Schrift https://www.reklamekasper.de/typografie/freitagsfoto-schriftsetzer-und-ingenieure/

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