Die Füße auf weitem Raum

Wald auf der Schwäbischen Alb

 

Allein im Wald

Das Blechschild am Baum weist abwärts. Ein schmaler Pfad, rutschig, ausgewaschen und steil. Da muss ich wohl runter. Ich will nicht. Ich habe Angst. Ich bin allein im Wald.
Das ist einer der Momente, in denen ich gern jemanden zur Seite hätte. Meine Söhne zum Beispiel. Die würden voraus laufen, sich umdrehen und sagen: “Spring. Ich fang dich auf.” Ich bin aber allein und das habe ich mir selbst ausgesucht.
Also gut. Ich suche einen Ast, den ich zu einem provisorischen Wanderstock umfunktioniere, vertraue auf die Qualität der Sohlen meiner sehr teuren Wanderstiefel und taste mich Schritt für Schritt diesen Abhang herunter, der nicht nur meinen Söhnen, sondern vermutlich den allermeisten Menschen nur ein sehr müdes Lächeln entlocken würde. Aber ich habe einen norddeutschen Migrationshintergrund. Ich habe schnell mal Schiss, wenn es allzu sehr bergab geht.
Nach einer guten Viertelstunde habe ich es geschafft. Vorsichtig, langsam, mich an allem festhaltend was zur Verfügung stand. ein kurzes Stück bin ich auf dem Hosenboden gerobbt. Immerhin hat mir niemand dabei zugesehen.

 

Der Weg gehört mir

Das ist einer der vielen Vorteile, wenn man alleine wandert. Ich kann mein Tempo selbst bestimmen. So langsam oder so schnell laufen wie ich möchte. Pausen machen, wann ich will und so lange ich will und niemand ist genervt, wenn ich mal wieder viel länger brauche als andere um einen Hang hinunter zu kommen.
Ich gehe leidenschaftlich gern alleine wandern. Dann gehört der Weg mir. Ich kann schweigen ohne dass jemand fragt “Hast du was?” Ich kann meinen Gedanken nachhängen. Ich kann wahrnehmen, was um mich herum ist. Ich muss nichts anderes hören als den Wald oder die See oder das Feld. Während ich einen Fuß vor den anderen setze und den Rhythmus des Weges in mich aufnehme können meine Gedanken kommen und gehen.

Mir ist es noch nie gelungen zu meditieren. Nach kürzester Zeit finde ich jede Körperhaltung unbequem, spüre ich die leiseste Zugluft und eine Stimme in mir flüstert: “Hast du nichts Besseres zu tun?” Die ruhige innere Mitte, die Windstille der Seele, finde ich beim Gehen. Es ist, als ob jemand mein Gehirn aufräumt. Alles neu sortiert, die Schubladen auswischt. Ordnung und Klarheit schafft. Meter um Meter.
Ich denke nicht wirklich nach. Ich überlasse den Bildern und Wörtern in meinem Kopf das Feld. Ich mache keine Pläne und keine Pro- und Contra-Listen. Aber wenn ich ein paar Stunden lang unterwegs war, habe ich Lösungen gefunden, Ideen bekommen, Entscheidungen getroffen. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Gehen – das passiert nur, wenn ich alleine unterwegs bin.

 

Das Leben aufräumen

Nichts ist geeigneter, um das eigene Leben aufzuräumen als eine Wanderung. Es muss nicht einmal um existenziell bedeutsame Entscheidungen gehen. Es ist auch nicht nötig, die eigene Wohnung zu vermieten und drei Monate auf dem Jakobsweg zu pilgern. Ein Wochenende auf der Schwäbischen Alb, ein paar Tage an der dänischen Ostseeküste reichen da völlig aus. Viele Dinge sortieren sich beim Gehen. “Alles ginge besser wenn man mehr ginge”, fand mein Lateinlehrer, ebenfalls ein leidenschaftlicher Wanderer.

Ein Weg an der See zum Leuchtturm

Nichts lenkt mich ab, wenn ich alleine durch den Wald laufe. Oder am Meer. Oder wo auch immer. Der Strand, die Berge scheinen nur für mich da zu sein.

Ich bin gerne und viel unter Menschen. In meinem Alltag geht es eher trubelig zu. Viele Jahre habe ich mit einer großen Familie in einer Wohnung mitten in der Stadt gelebt. Mein Beruf bringt mich mit vielen Menschen zusammen und überhaupt bin ich wohl eher das, was man extravertiert nennt. Aber all diese Offenheit und Zugewandtheit braucht Pausen und eine Kraftquelle. Die finde ich draußen. Allein. Nur mit mir allein zur Gesellschaft. Und mit Gott. Die Füße auf weitem Raum.

 

Angst und Einsamkeit

Natürlich kann das auch schief gehen. Wer stunden- oder tagelang alleine unterwegs ist, riskiert, dass ihr alles vor die Füße fällt, was in ihrem Leben schief gegangen ist. Alle Enttäuschungen, Verletzungen, Verfehlungen. Es ist schon vorgekommen, dass ich hemmungslos heulend auf einem Holzpolter gesessen oder jedem Stein auf meinem Weg einen wütenden Tritt verpasst habe. Und manchmal fühle ich mich unfassbar einsam.

Aber das geht vorbei. Wer alleine wandert, lernt mit Angst und Einsamkeit umzugehen. Es sind nur Gefühle. Die kann ich zulassen. Pause machen. Weinen. Toben. Die Bäume anschreien. Beten.

Singen hilft. Es gibt ein paar Stücke von Fanny und Felix Mendelssohn, die ich so oft mit meinem Chor gesungen habe, dass ich sie auswendig kenne und in denen ein ungeheurer Trost liegt. Aber oft singe ich tatsächlich Lieder, die ich meinen Kindern vorgesungen habe oder die Lagerfeuerlieder meiner Teenagerzeit. Oder Choräle. Paul Gerhardt ist ein guter Begleiter in Angst und Einsamkeit.
Singen hilft auch gegen Erschöpfung. Oder Gedichte aufsagen. Gebete sprechen. Der Rhythmus eines Vaterunsers trägt mich schon mal ein paar besonders zähe hundert Meter weit. Wenn das alles nicht hilft, hilft es, Musik zu hören. Mein bestes Doping gegen Erschöpfungszustände beim Wandern ist der erste Satz des Klavierkonzerts a-moll von Robert Schumann in einer Einspielung mit Martha Argerich. Die Musik stellt mich wieder auf die Beine und auf den Weg. Dazu stelle ich mir diese kleine, zierliche Latina mit den wirren Locken vor, wie sie über die Tasten tobt – das wirkt mindestens so gut wie ein Energieriegel.

 

Schreiben und lesen

Und natürlich hilft mir das, was mir auch sonst in meinem Leben gegen Angst und Einsamkeit hilft: Schreiben und Lesen. Beides bringt mich wieder in Verbindung zu anderen Menschen, zu mir und zur Welt. Aber Schreiben und Lesen sind viel mehr als nur ein Mittel gegen Angst und Einsamkeit. Schreiben und Lesen machen das Solowandern erst wirklich perfekt.
Ich wandere nie ohne Buch. Wenn ich mehrere Tage unterwegs bin, packe ich gleich einen ganzen Regalmeter Romane auf meinen Tolino. Normalerweise lese ich lieber Bücher aus Papier, aber zum Wandern ist dieses Ding, das kaum mehr wiegt als eine Tafel Schokolade, eine der besten Erfindungen überhaupt.

Cliffs of Yesnaby

Ich breche morgens gerne sehr früh auf, damit ich einen lange Mittagspause machen kann. Genügend Zeit, um die Wanderstiefel auszuziehen, gut zu essen und lange zu lesen. Am liebsten Geschichten, in denen ich mich richtig verlieren kann. Auf Orkney war das KLEINE FEUER ÜBERALL von Celeste Ng. Ein richtiger Gesellschaftsroman. Ich saß im Gras über den Klippen von Yesnaby und beamte mich in eine amerikanische Vorstadt.
Bei der Auswahl meiner Lektüre lasse ich mich einfach von dem leiten was mir die Stadtbücherei zur Verfügung stellt. Solange es keine komplette literarische Zeitverschwendung ist bin ich offen und neugierig auf alle möglichen Geschichten von fremden Ländern und Menschen und Zeiten.  Manchmal mache ich dabei unglaubliche, wunderbare Entdeckungen.  DER WELTENSAMMLER von Ilja Trojanow war solche eine Entdeckung. Die Kriminalromane von Hakan Nesser. NACHTS IST DAS MEER NUR EIN GERÄUSCH von Andrew Miller.

Schreiben ist genauso wichtig wie Lesen. Wenn ich in einem Café an einem fremden Ort sitze und in mein schwarzes Moleskin-Schulheft schreibe, fühle ich mich wirklich wie eine Autorin. Ich habe Hefte voller Reiseberichte in der Schublade. Dieser Blog ist unter anderem aus dem Wunsch entstanden, daraus mehr zu machen als nur private Erinnerungen und ein bisschen Zeitvertreib, wenn ich abends alleine im Restaurant sitze.
Das ist ein weiterer Luxus des Alleinseins. Wer alleine wandert, muss auch alleine essen. Das genieße ich tatsächlich sehr. Ich kann den ganzen  Abend im Restaurant sitzen, die Speisekarte studieren, essen, lesen, schreiben. Manchmal bestelle ich nur deshalb noch einen Nachtisch oder eine Käseplatte, um mir damit eine weitere Stunde bei Tisch zu erhandeln. Wer alleine essen geht, kann ganz für sich und trotzdem unter Leuten sein.

 

Im Glasbachtal

Wie wohltuend und bereichernd es sein kann, alleine loszuziehen, habe ich während eines Kuraufenthalts im südlichen Schwarzwald gelernt. Ich war in einer Klinik voller geburnouteter Hausfrauen und Hauptschullehrer und ließ mir nach einer körperlich und seelisch herausfordernden Zeit wieder eine neue Haut wachsen. Ich hatte sehr viel Zeit und ich hatte gerade aufgehört zu rauchen. Es war also keine Option, mit meinen Mitpatient*innen vor der Kurklinik zu sitzen und zu tratschen, ich hätte so niemals die Finger von den Kippen lassen können. Deshalb zog ich immer los, sobald ich ein paar Stunden am Stück Zeit hatte. Allein. Stundenlang durchstreifte ich die Gegend zwischen Königsfeld und St. Georgen, zog durch das Glasbachtal, kletterte zur Ruine Waldau und aß sehr viel Schwarzwälder Kirschtorte im Café Rapp. Im Gepäck einen Apfel, eine Thermoskanne voll Kräutertee, einen Müsliriegel und natürlich ein Buch.

Bach im Schwarzwald

Meine beiden literarischen Entdeckunen in diesem vier Wochen waren Lion Feuchtwanger und Kerstin Ekman. HEXENRINGE und DIE JÜDIN VON TOLEDO. GESCHEHNISSE AM WASSER und die komplette WARTESAAL-Trilogie. Ich genoss diese Stunden. Die Ruhe im Wald, der hohe Himmel über den Feldern. Die mäßige körperliche Anstrengung, das rhythmische Geräusch meiner Schritte, die Sonne im Gesicht – oder den Regen. Nach solchen Wandertagen war ich abends müde, glücklich und vollkommen geerdet.

Seitdem ziehe ich immer wieder alleine los Nie lange, maximal eine Woche am Stück. Nicht, dass ich keine Lust hätte, einmal länger unterwegs zu sein. Aber bislang hat sich das noch nicht ergeben.

 

Auf dem Gendarmstien

Die schönste Alleine-Tour, die ich bis jetzt unternommen habe, waren vier Tage auf dem Gendarmstien zwischen Padborg und Sønderborg an der dänischen Ostseeküste. Ich lief über Pferdekoppeln und durch lichte Wälder, am Strand und durch den zauberhaften Garten des Gravensteiner Schlosses. Die Nächte verbrachte ich in einer alten Wassermühle und in der Villa eines Ziegeleifabrikanten. Dort war ich der einzige Gast und abends saß ich mit einer Tüte dänischer Lakritzmischung und DIE STERBLICH VERLIEBTEN von Javier Marías in einem Raum, der früher vermutlich Clubzimmer genannt wurde. Es waren Tage, die ohne Zweifel zu den besten meines Lebens gehören.

Strand an der Ostsee

Übrig geblieben ist davon ein dicker Ordner voller Fotos. Auch das ist etwas, was alleine wandern für mich so kostbar macht. Ich kann fotografieren, so viel und so lange ich will. Den besten Platz suchen, verschiedene Perspektiven probieren, die Einstellungen ändern. Noch einmal hundert Meter zurück laufen oder mich auf den Boden legen, um de Bäume von untern zu fotografieren. Ich habe alle Zeit der Welt für ein schönes Bild. Niemand muss deswegen herumstehen und darauf warten, dass es endlich weiter geht.

 

Alles auf Empfang

Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen ich mir wünsche, sie sofort und auf der Stelle mit jemandem teilen zu können. Alleine oben auf einem Berg stehen, sich an einer großartig blühenden Wiese erfreuen, zum ersten Mal seit langer Zeit mit nackten Füßen am Wasser laufen. Dann wäre ein Gegenüber schon gut. Jemand, dem man sagen kann: “Schau mal, wie schön!” Bevor dann eine Einsamkeitswelle heranrollt, mache ich ein paar Fotos und schicke sie an einen Lieblingsmenschen. Das hilft wirklich sofort.
Aber ich muss aufpassen, das Handy nicht dazu zu benutzen, eine trügerische Verbindung mit der Welt außerhalb des Wanderweges aufbauen zu wollen. Und überhaupt: ich möchte ja weg sein. Gelöst von allem. Ich möchte keine Live-Schalte zu meinem Alltag in der Jackentasche mit mir herumtragen. Meine Aufmerksamkeit gilt dem Weg, der vor mir liegt. Nicht irgendwelchen Mails, Chats, Facebook-Diskussionen, Insta-Postings.

Wenn ich alleine unterwegs bin, bin ich aufmerksamer. Ich schalte all meine Sinne auf Empfang und bemerke Dinge, an denen ich sonst achtlos vorbei laufe, weil ich in ein Gespräch vertieft bin. Das Licht, die Landschaft, die Kleinigkeiten am Wegrand. Überraschende Aus- und Einblicke in ein Wunderland, das oft genug direkt vor meiner Haustür liegt und von dem ich meinte, ich kennte es auswendig.

Alleine wandern lehrt mich eine neue Verbundenheit. Mit der Welt. Mit mir. Mit Gott. Denn er stellt meine Füße auf weiten Raum.

Gipfelkreuz auf dem Lochenstein_Schwäbische Alb

 

Eine Antwort

  1. Danke für diesen wieder einmal wunderschönen und anregenden Text. Ich bin eigentlich auch gerne allein, aber alleine gewandert bin ich noch nie. Alleine essen musste ich einmal, als mein Mann während eines Urlaubs in eine Klinik musste. Das konnte ich dann nicht richtig genießen.
    Hast du mal überlegt, deine Blogtexte einer größeren Öffentlichkeit zugute kommen lassen? Du schreibst einfach sehr gut, inhaltlich und stilistisch. Es ist mir immer eine Freude, deine Texte zu lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.